Kennzeichen der Globalisierung
Dies ist ein Teil des Gastartikels von Josef Bordat. (Hier geht es zum Beginn des Textes.)
Eine allgemeine Einführung in die Auswirkungen der Globalisierung „auf unser Leben“ hört sich bei Giddens so an: „Die Globalisierung strukturiert unsere Lebensweise in einem außerordentlichen Umfang neu.“ (2001, 14). Wir sind dabei in einer Ordnung gefangen, „die niemand vollständig überblickt, die aber spürbare Auswirkungen auf jeden von uns hat“ (2001, 17). Er verweist darauf, „daß die Globalisierung, so wie wir sie erleben, in vielerlei Hinsicht nicht nur neu, sondern auch revolutionär ist“ (2001, 21), d. h., es „entsteht etwas, das es niemals zuvor gegeben hat: eine globale kosmopolitische Gesellschaft.“ (2001, 31). Ulrich Beck wird etwas konkreter: „Man kann Globalisierung leugnen, bekämpfen oder bejubeln, jenseits aller Bewertungen geht es um diese starke Theorie: Ein territorial fixiertes Epochenbild des Sozialen, welches die politische, soziale und wissenschaftliche Imagination im Großen wie im Kleinen zwei Jahrhunderte lang in Bann geschlagen und beflügelt hat, löst sich auf. Dem globalen Kapitalismus entspricht ein Prozeß kultureller und politischer Globalisierung, der das Ordnungsprinzip territorialer Vergesellschaftung und des kulturellen Wissens, auf denen die vertrauten Selbst- und Weltbilder beruhen, aus den Fugen geraten läßt. Globalisierung so verstanden und entschlüsselt, meint nicht nur (wirtschaftliche) Internationalisierung, Verdichtung oder transnationale Verflechtungen und Netzwerke. Sie eröffnet viel weitgehender ein sozialräumliches, sozusagen ,dreidimensionales’ Gesellschaftsbild, das nicht lokal, nicht national und nicht territorial fixiert ist.“ (Beck 1998, 17 f.). Das Phänomen Globalisierung wird zunächst und v. a. spürbar in der Ökologiedebatte, der Migration sowie im Bereich der Medien, der Informationsverarbeitung und des Datenaustauschs und umfasst die politische, die ökonomische und die kulturelle Ebene.
Politisch scheint das auf dem Spiel zu stehen, was eigentlich gestärkt werden soll: die Demokratie. „Wo die Weltwirtschaft Maßstäbe setzt, da ist der Politik die Macht zum Handeln genommen.“ resümiert Köpf den „Demokratieverlust“ (Köpf 1998, 62). Für Ulrich Beck ist der Globalismus, gerade weil er die Politik der Ökonomie unterstellt, hochpolitisch und nicht etwa apolitisch, obwohl so getan wird, als gestalte man nicht, sondern als vollziehe man nur die ewigen Gesetze des Weltmarkts nach und müsse bei diesem Vollzug sozialstaatliche und demokratische Errungenschaften aufgeben, um zumindest das republikanische Gerippe zu retten. Globalisierung ist nach Beck aber kein Schicksal, das zwingend „automatische“ Exekution verlangt, sondern Ergebnis eines politischen Projekts das unter der neoliberalen Ideologie des Globalismus entfaltet wird (vgl. Beck 1997, 203 ff.). Im Gegensatz dazu sieht Sloterdijk die Zukunft des Staates und der nationalstaatlichen Politik eher skeptisch, was er eben gerade mit dem Primat der „globalen Ökonomie“ vor dem „völkischen Zusammenhalt“ erklärt: „Es spricht sich herum, daß der genealogische Nationalvertrag, das generationengestützte Kontinuum des zeugenden, gebärenden, sprechenden, arbeitenden Volkes, nur noch eine Fiktion ist. Immer mehr Menschen spüren und verstehen, gewiß mehr instinktiv als mit klaren Argumenten, daß die großen Komplexe, die sich noch immer als Völker vorstellen, längst von der Orientierung an der Kinderzukunft verabschiedet und auf Renditezukunft umgestellt haben, und dies aus dem evidenten, wenn auch noch nie genug begriffenen Grund, daß das stille, nachhaltige biologische und symbolische Investieren der Menschen in ihre Liebes- und Sprechverhältnisse bei weitem überflügelt und ausgehöhlt worden ist von den hektischen Investitionsprozessen der Kapitale, die ihrerseits über die Weltbörsen von einer spekulativen Geisterwirtschaft angetrieben sind.“ (1998, 49). Der Kern dieser etwas eigenartigen, in ihrer Referenz auf Reproduktions- und Investitionsverhältnisse auch leicht missverständlichen Sicht, die aber auch wieder auf die Unwirklichkeit der Weltwirtschaft zu sprechen kommt, ist ein wahrer: Wo nur noch auf Rendite geschaut wird, auf den Profit - egal wo, egal wie -, dort hat kein Nationalstaat eine Überlebenschance.
Für einige Autoren gilt es in diesem Kontext, durch Reformen die Handlungsfähigkeit von (nationalstaatlicher) Politik wiederzuerlangen. Slavoj Žižek etwa tritt für eine Politisierung der Ökonomie ein, die Maßnahmen zur Limitierung der Freiheit des Kapitals und zur Unterordnung des Produktionsprozesses unter eine soziale Kontrolle ergreift (vgl. 2003). Hübner / Petschow sehen hierbei nach wie vor den Nationalstaat in der Pflicht: „Der Nationalstaat und damit die Akteure nationaler Politik haben keineswegs abgedankt. Im Gegenteil: In einem neuen weltwirtschaftlichen Rahmen kommt ihnen die Aufgabe zu, den Globalisierungsprozess zu steuern und für einen dynamischen Ausgleich der Interessen von Verlierern und Gewinnern zu sorgen.“ (2001, 161). Auch Thomas Gil ist der Ansicht, dass die Globalisierung den Nationalstaat nicht überflüssig macht, sondern nur depotenziert, d. h. seine Aufgabe wandelt sich von der stets und überall intervenierenden Subordination zur distanzierten, eingeschränkten Koordination (2003, 49 ff.). In diesem Zusammenhang ist einerseits zu fragen, ob der „Supervisionsstaat“ (Gil 2003, 54)[13] nicht schon das Potential zur Selbstaufhebung in sich trägt, also ob koordinatives „komplexes Regieren“ (Gil 2003, 50) überhaupt möglich ist, wenn es darum geht, einen „Interessenausgleich“ herbeizuführen oder ob der Staat im globalisierten Zeitalter die „Staatsaufgabe“ nicht als höchste Aufgabe des Staates begreifen muss.[14] Andererseits ist zu fragen, ob nicht auch die vermehrten und vertieften Regelungen auf globaler Ebene tatsächlich geeignet sind, den Nationalstaat langfristig überflüssig werden zu lassen. Wenn dies aber stimmen sollte, es also zukünftig allein auf diese globalen „Regime“ ankommen wird, dann wäre es wichtiger, hier zu reformieren, als um die Befugnisse des Nationalstaats zu kämpfen, denn das erscheint mir so wie der auf innerstaatlicher Ebene gescheiterte Versuch des europäischen Adels, gegen das aufkommende Bürgertum alte Privilegien zu sichern, statt sich frühzeitig mit der aufstrebenden neuen Kraft zu arrangieren.
Konkret stellt sich also die entscheidende Frage, ob der Depotenzierung auf der Ebene des Nationalstaats nicht der umgekehrte Prozess auf globaler Ebene bewusst entgegengesetzt werden sollte, an dessen Ende die Aufwertung der Vereinten Nationen und ihrer Organisationen steht. Wenn der Nationalstaat (oder besser: das, was von ihm übrig bleibt) von Macht auf Bescheidenheit, von Absolutheit auf Ironie, von Subordination auf Koordination umschaltet, braucht es dann nicht eine „Weltzentralmacht“, die umgekehrt ihre bescheidene bis zurückhaltende, selbstironische und ausschließlich koordinative Rolle aufgibt und ein Regime der Subordination initialisiert, das für die zentralen Staatsfunktionen, die ehedem der Nationalstaat besorgte - Sicherheit und Wohlfahrt - Institutionen und Mechanismen bereitstellt, die den souveränen Staat ergänzen und - auf lange Sicht - ersetzen können? Muss nicht die Rolle der Vereinten Nationen und ihrer Organisationen künftig eine große sein, weil den Nationalstaaten nur noch eine kleine zukommen wird? Wer noch etwas für das eigene Volk tun möchte, muss Weltpolitik betreiben und das Völkerrecht als Basis dieser Politik in den Mittelpunkt von Reformen stellen: „In einer prinzipiell offenen Weltwirtschaft kommt nationalen Akteuren die Rolle zu, transnationale politische Strategien zu entwickeln und lokale, regionale sowie nationale Interessen in der internationalen politischen Arena zu bündeln und durchsetzungsfähig zu machen.“ (Hübner / Petschow 2001, 161). Das scheint der Anspruch zu sein, unterhalb dessen Politik im Zeitalter der Globalisierung nicht mehr möglich ist.
Für Boxberger / Klimenta lässt sich die Globalisierung kurz auf den Nenner bringen: „Ein Planet unterwirft sich wirtschaftlichen Zwängen.“ (1998, 9). In der Tat überlagert die wirtschaftliche Dimension der Globalisierung alles. Dazu zählen die drastische Erhöhung des Austauschs von Waren und Dienstleistungen (v. a. zwischen den Industrienationen[15]), die globale Mobilität des Kapitals, das „Outsourcing“ der Produktion von der „Ersten Welt“ in die „Dritte Welt“ als Folge des Abbaus von Handelsbarrieren und der Aufbau der Kapitalmobilität (vgl. Boxberger / Klimenta 1998, 15). Die Antagonismen der Globalisierung treten im Kontext der Weltwirtschaft drastisch zu Tage, wie das Bild von der „Ökonomie des Archipels“ (Veltz 1996) ausdrückt, das Ziegler vor Augen hat, wenn er feststellt: „Die Realität der globalisierten Welt besteht in einer Kette von Inseln des Wohlstands und des Reichtums, die aus einem Meer des Völkerelends herausragen.“ (2003, 31).[16]
Doch auch kulturell sind die Paradoxien der Globalisierung besonders deutlich zu spüren. Globalisierung, so Ulrich Beck, laufe gerade nicht auf „kulturelle Konvergenz als unmittelbare Folge ökonomischer Vereinheitlichung“ (Beck 1997, 206) hinaus. Die Völker wehren sich gegen die Uniformität einer homogenen Weltkultur („McDonaldisierung“) und es setzt eine gewaltsame Gegenbewegung ein, bei der deutlich wird, „daß unsere Welt und unser Leben zwischen antagonistischen Kräften gefangen sind: zwischen Retribalisierung und globaler Integration. In ein und demselben Moment kehren wir zurück in eine konfliktbeladene Vergangenheit und schreiten aus in eine zukünftige Weltkultur“ (Barber 1997, 4). Eine besondere Rolle bei der Ausprägung einer Weltkultur spielen die Medien. Insbesondere das Fernsehen ist dabei zentraler Kristallisationspunkt medialer Globalität. Der kanadischen Medientheoretiker Marshall McLuhan hatte noch die optimistische Vorstellung, „dass die Allgegenwart und Unbestechlichkeit der Fernsehbilder bewaffnete Auseinandersetzungen erschweren und die noch nicht industrialisierten Länder dem Fortschritt entgegenführen werden.“ (Ziegler 2003, 29). Doch die Tatsache, dass „75% der Weltbevölkerung jeden Tag Fernsehprogramme empfangen“ und „Menschen in abgelegenen Teilen von Borneo, irgendwo im Himalaja und in der fernen Tundra Sibiriens [..] die gleichen Sendungen [sehen], meist von westlichen Firmen produziert, die allesamt westliche Werte und westliche Vorstellungen verbreiten“ (Mander 2002, 81), führt nicht zur Konformität „geklonter Kulturen“ (ebd.), sondern zu tiefgreifenden Irritationen, die sich in Phänomenen wie der Retribalisierung, aber auch in anti-globalistischen Aggressionen wie dem Terrorismus Platz schaffen. Doch auch im Westen hat die Omnipräsenz des Fernsehens Folgen: „Wenn das Bild Nelson Mandelas uns unter Umständen vertrauter ist als das Gesicht unseres unmittelbaren Nachbarn, dann hat sich etwas im Wesen unserer alltäglichen Erfahrung verändert.“ (Giddens 2001, 23). Veränderte Sehgewohnheiten und Wahrnehmungsmuster führen zu veränderten Deutungen des Lebens und zu Modifikationen der Weltanschauung. In welche Richtung diese Veränderung die Menschen führt, hängt zum einen von ihrer Rezeptionskompetenz ab, zum anderen aber auch davon, ob und wieweit die Medien der neuen Dimension ihrer Verantwortung für den vordergründigen und subtilen Inhalt ihrer Botschaften gerecht werden.
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am 5. Januar 2010 um 10:38 am Uhr.
Interessant geschrieben! Ich stimme Herrn Ulrich Beck hier zu. Globalisierung ist die Entfaltung einer neoliberalen Ideologie, aber das heisst nicht das sie unkontrollierbar ist!
Hier gibt es auch einen interessanten Artikel zur Globalisierung:
http://cli.gs/24Q0e
Grüsse