Globalisierung zwischen Globalismus und Planetarismus
Dies ist ein Teil des Gastartikels von Josef Bordat. (Hier geht es zum Beginn des Textes.)
Entscheidend ist also die Analyse der Ideologie jener ordnenden Globalisierungsregeln, die zunächst – scheinbar wie selbstverständlich - als Globalismus in Erscheinung tritt. Rüdiger Safranski nennt drei normative Manifestationen des Globalismus: 1. ökonomischer Neoliberalismus, der mit der „sozialen Entpflichtung des Kapitals“ auf dem Weg sei, eine „Wiederauferstehung des Marxismus als Management-Ideologie“ einzuleiten (Safranski 2003, 21 f.), 2. Anti-Nationalismus der multinationalen Konzerne und überstaatlichen Organisationen, wobei er darauf verweist, dass „Weltläufigkeit“ nicht dadurch erreicht wird, dass man auf allen Märkten präsent ist, sondern nur als Ergebnis einer Verwandlung durch „den Reichtum von Welterfahrung“ (2003, 25) und 3. die Besinnung auf die naturlichen Gegebenheiten, denen wir ausgesetzt sind, auf eine „arme Erde, die wir dabei sind zu zerstören und die wir retten müssen.“ (ebd.). Angesichts dieses unbedingten Auftrags erlebe das „Wir“ der Menschheit „seine Auferstehung“ (ebd.). Ulrich Beck betont dagegen die Gefahr der Eingleisigkeit, der rein wirtschaftlichen Orientierung: „Globalismus reduziert die neue Komplexität von Globalität und Globalisierung auf eine – die wirtschaftliche – Dimension, die auch noch linear gedacht wird als ständige Ausdehnung der Abhängigkeiten vom Weltmarkt.“ (1997, 196 f.).
Die Selbstrechtfertigung des Globalismus’ geschieht durch Verweis auf das Phänomen Globalisierung, das scheinbar keine andere Alternative zulässt als den stummen Vollzug der Gesetze des (Welt-)Markts. Eine Ideologie wie der Liberalismus, die von sich behauptet, schicksalhaften, „natürlichen“ Charakter zu haben, fordert eine Gegenideologie heraus. Die Gegenposition zum Liberalismus wurde einst von Marx und Engels eingenommen, dann von der katholischen Soziallehre auf der Basis idealistischer Ökonomiekritik für die bürgerliche Mitte salonfähig gemacht und heute durch Gruppen wie „Attac“[10] selbst integraler Bestandteil der Globalisierung, denn die Planung und Durchführung von Kampagnen und Aktionen auf allen fünf Kontinenten erfordert eine weltweite Vernetzung. Die Kritik richtet sich gegen die Selbstverständlichkeit des Globalismus, wie sie sich im „TINA-Prinzip“[11] manifestiert. Die Kritiker stellen Fragen grundsätzlicher Art, etwa nach der Würde und den Lebensbedingungen des Arbeiters sowie den Auswirkungen der anstrengenden und stupiden Tätigkeit auf seine physische und psychische Konstitution (Marx / Engels), nach dem Verhältnis von Wirtschaft und menschlichem Miteinander (katholische Soziallehre) oder nach der Tragweite der vom Globalismus in Aussicht gestellten Freiheit sowie der Gerechtigkeit des marktorientierten Wirtschaftssystems (Attac). Dieser kritische Ansatz stellt zu jeder Zeit die Fragen anders und kommt entsprechend zu anderen Antworten. Er stellt die Erde als natürliche Heimat des Menschen in den Mittelpunkt und nicht den Markt. Er betont die Ökologie, nicht die Ökonomie und unterlegt die Globalisierung auf diese Weise mit einem planetarischen Konzept. Deshalb hat sich für diese Form der Interpretation des globalen Zeitalters der Begriff Planetarismus herausgebildet.
Der Planetarismus hinterfragt radikal die „selbstverständlichen“ Voraussetzungen und schafft so neue Einsichten, die denen nicht möglich sind, die sich durch ihre TINA-Logik den Blick versperren und keine Motivation entwickeln können, die Fragen grundsätzlicher zu formulieren. Globalisierungskritik ist also Globalismus-Kritik i. S. d. planetarischen Konzepts einer am Menschen orientierten Politik- und Wirtschaftsform. Das heißt jedoch weder, dass sich neoliberale Globalisten gar nicht um den Menschen oder die Umwelt – immerhin das dritte Globalismus-Kennzeichen bei Safranski - kümmerten, noch, dass Globalismus und Planetarismus grundsätzlich unvereinbar sind. So bietet eine Liberalisierung der Märkte, die sich zum Ziel nicht den liberalisierten Markt selbst, sondern das Wohl der handelnden Menschen steckt, grundsätzlich Potential für Strategien, die von beiden Seiten befürwortet werden.[12]
Der Planetarismus analysiert Globalisierung vom Menschen her, in Fragen ihrer Rechte und im Zusammenhang mit dem Thema Migration, und vom Schwächeren her, der in Fragen des Welthandels besondere Beachtung verdient. Bevor ich das vertiefen möchte, scheint es mir sinnvoll, die einzelnen Bereiche der Globalisierung und ihre Kennzeichen aus den verschiedenen Perspektiven zu beschreiben.
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